Von Neujahrsvorsätzen und Selbstironie

2015.12.19 Celina Langer See_0030

Das neue Jahr hat gerade erst angefangen. Eigentlich sollten wir alle noch hochmotiviert sein, unsere Neujahrsvorsätze in die Tat umsetzen, fleißig Fitnessgeräte kaufen und nur noch nach #healthyeating-Regeln leben. „Dieses Jahr wird alles anders!“ Pustekuchen.

Also mal von vorne: Wieso soll denn überhaupt alles anders werden? War alles schlecht bisher? Haus doof, Uni doof, Job doof, Freunde doof, alles doof?! Im Hinblick auf diese unangenehme Angewohnheit auf unfassbar hohem Niveau zu Jammern, die nicht gerade zu den charmantesten Eigenschaften der Menschheit gehört, wäre es doch mal schön, sich etwas realistischere Ziele zu stecken. Und das fängt bei uns selbst an.

Bevor sich etwas ändern kann, muss man sich doch erstmal seiner gegenwärtigen Lage genau bewusst sein. Was mag ich, was kann ich gut, was weniger, wo will ich hin, was will ich auf gar keinen Fall, was stört mich, was fehlt mir, was macht mich glücklich…bin ich glücklich?

Herzlich willkommen zu einer ganz privaten Fragestunde nur mit dir selbst. Du darfst alles fragen, musst nur auch selbst antworten. ;) Die beste Zeit für absolute Ehrlichkeit wäre dann wohl jetzt, meinst du nicht auch? Wieso? Na, da haben wir es doch schon! Oder was ist denn bitte eine bessere Motivation als ein vernünftiger, richtig guter, logischer Grund?

Wunderbar, wir haben es geschafft! Wir wollen von Zustand A nach Zustand B wegen Begründung C, indem wir….oh. Achja, richtig, da war doch noch was. Die Umsetzung, dieses verflixte kleine Detail. Also Gedankenturbo angeworfen, Brainstorming zum Thema „Wie komme ich an mein Ziel“. Überlegen wir doch, was wir an Ressourcen zur Verfügung haben, was oder wer sind unsere Hilfsmittel und um welchen potentiellen Steine-in-den-Weg-Werfer machen wir besser einen großen Bogen.

Und je länger man überlegt, sich alles ausmalt und fein säuberlich zurechtlegt, umso mehr driftet man ab. Dann kommen die fiesen Gegenfragen, wie gehabt, du an dich selbst. Die häufigsten Schlüsselphrasen: „Ja aber dann…“ dicht gefolgt von „Aber wenn…“. Meine persönlichen Highlights beginnen allerdings mit „Früher…“, „Damals…“ oder „Letztes Jahr…“ Halt stop! Letztes Jahr? Aber jetzt ist doch neues Jahr, also wird alles viel besser, toller, schöner und überhaupt!

Ich bitte um einen Trommelwirbel, denn jetzt sind wir wirklich da. Zumindest da, worauf ich hinaus wollte. Es gibt da nämlich ein kleines Problem bei der ganzen Geschichte. Wenn wir über alles nachdenken und überlegen und rückblicken und planen, gehen wir doch immer von der gleichen Basis aus, nämlich unseren Erfahrungen.

Es ist ja – zumindest in den allermeisten Fällen – nicht so, dass wir zu Beginn dieses Jahres auf unglaublich revolutionäre Ideen gekommen wären, die wir noch nie irgendwie angegangen sind, oder es zumindest mal versucht haben. Also wissen wir doch eigentlich ganz genau, wo das Problem liegt und warum es nicht so klappt, wie wir es manchmal gerne hätten. Und deswegen soll jetzt die Änderung des Datums (!!!) plötzlich irgendwas damit zu tun haben, warum nun alles anders ist? Nochmal: Pustekuchen.

Unsere Vergangenheit beeinflusst uns immer irgendwie, ob wir nun wollen oder nicht. Das heißt natürlich nicht, dass man sich nicht weiter entwickeln kann, aber es heißt auch, dass manche Dinge, gute und schlechte, wohl immer so bleiben werden wie sie sind.

Achso, und wenn du dann doch mal auf einem guten Weg bist und diese eine Sache machst, an der du bisher immer gescheitert bist, dann gibt es natürlich noch die bereits erwähnten mentalen Stolpersteine: ein großes Dankeschön geht an dieser Stelle an die (a)sozialen Netzwerke wie Facebook und Co., ein Küsschen an die lieben Freunde mit dem „Weißt du noch damals…“-Satz und ein leicht genervter aber dennoch liebevoller Blick an alle Verwandte, die mit der „Früher“-Floskel um sich werfen. Danke, dass ihr immer da seid, wenn man mal wieder so eine kleine Erinnerung braucht, warum manches einen einfach nicht loslässt.

Eines weiß ich aber ganz genau: Letztes Jahr konnte ich zu dieser Jahreszeit nicht in Kleidchen und Strumpfhose rumspringen, früher hätte ich niemals diese Farbe – auch noch im Winter – getragen und damals konnte man mit so einem freizügigen Rückenauschnitt auf keinen Fall in die Öffentlichkeit. Seien wir also dankbar für den Wandel der Zeit und das milde Wetter, Väterchen Frost rächt sich ohnehin bald. :D Sorry an alle, denen ich ihre Neujahrsvorsätze schlecht geredet habe, ich wünsche euch natürlich viel Erfolg, ehrlich! Und ich freue mich sehr über weniger pessimistische, gerne auch ein bisschen naive, Gegenargumente.

Fotos: Tilo Hensel

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